Reise durch das Leben

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Der Zug meines Lebens fuhr los, als ich geboren wurde. Langsam, ganz sachte und stetig setzte er sich in Bewegung. Mit einem leisen Zischen, kaum mehr als ein Atemzug, begann meine Reise des Lebens.

Der Dampf, rein und weiß stieg empor, fing das Sonnenlicht ein und schuf ein flüchtiges Kunstwerk.

Ich wusste nicht, wohin mich der Zug führt. Am Anfang saß ich allein in meinem Zug, blickte aus dem Fenster heraus und ließ die Welt einfach passieren. Unbeschwert, frei, unbekümmert und mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit rollte der Zug meines Lebens dahin und die Zeit verflog. Die Stationen kamen und gingen, Landschaften wechselten und mit ihnen die Menschen.

Die Menschen, die in meinen Zug stiegen, waren wie kleine, bunte Mosaiksteine, die mein Bild von der Welt und von mir neu ordneten. Manche kamen mit einem Paukenschlag, manche still und leise, manche rüttelten mein Leben heftig durcheinander. Der alte Kunstprofessor, dessen Augen hinter dicken Brillengläsern funkelten, wenn er von der Schönheit der Kunst sprach. Mit schmutzigen Händen zeigte er mir, dass Kreativität keine Grenzen kennt und das Schönheit in jeder unerwarteten Ecke zu finden ist. Die Freundin mit dem gebrochenen Herzen, die mich die Kraft der Empathie lehrte. Den Schmerz des anderen zu fühlen und Trost zu spenden.

Viele stiegen ein, stille Beobachter, die mich lehrten, dass Schweigen manchmal lauter sein kann als jedes Geräusch.

Manche blieben nur ein paar Haltestellen, andere blieben ein wenig länger, begleiteten mich auf der Reise durch mein Leben. Einige habe ich geliebt, einige habe ich vermisst, einige habe ich verloren, ohne es recht zu begreifen. Manche waren verstörend, manche haben mich verletzt, manche haben mich belogen, manche weggestoßen. Jeder Abschied hinterließ Spuren, manchmal leise, manchmal tief, manchmal laut, so dass ich glaubte, niemals wieder lachen zu können.

Es gab eine Zeit, da schien mein Abteil leerer als zuvor. Ich fragte mich, ob der Platz neben mir jemals wieder gefüllt werden würde. Ob da noch jemand kommt, der bleibt und die Reise im Zug des Lebens mit mir fortsetzt.

Und dann, ganz leise bist Du eingestiegen. Du hast Dich nicht nur einfach hingesetzt. Du hast Dich umgesehen, gefragt, wer ich bin, woher ich komme, wohin ich möchte. Und mit jedem Tag mehr habe ich gespürt: Du willst Du mitfahren. Nicht nur ein Stück, nicht nur bis zur nächsten Station – sondern wirklich mitfahren.

Seitdem fühlt sich die Reise anders an. Wärmer, voller, aufregender…Auch die Landschaft hat sich verändert, nicht weil die Welt anders ist, sondern weil ich sie mit dir sehe.

Der Zug wird weiterfahren, bis zur letzten Haltestelle, so wie er es immer getan hat. Es wird Höhen geben, es wird Tiefen geben, stille Strecken und holprige Kurven. Es werden Hindernisse auftauchen, der Zug wird zu entgleisen drohen, ein Tunnel wird nicht enden wollen, aber ich ängstige mich nicht, weil Du an meiner Seite sitzt.

Vielleicht ist es das, was der Zug des Lebens uns lehren will. Nicht jeder bleibt, aber irgendwann steigt jemand ein, bei dem man weiß, für diesen Menschen lohnt sich jede Station, jeder Umweg, jede Fahrt. Und plötzlich ist nicht mehr das Ziel entscheidend, sondern dass man angekommen ist im Herzen des anderen.

Astrid Wetzel
Familienmensch mit großem Herz für Tiere. Ich male und schreibe gerne in meiner freien Zeit.